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Ratgeberin für «Good Sex» und das Leben: «Dr. Ruth» wird 80

Die legendäre Sexualtherapeutin "Dr. Ruth" wird 80 Jahre alt (Foto: dpa)
Die legendäre Sexualtherapeutin "Dr. Ruth" wird 80 Jahre alt (Foto: dpa)

29.05.2008 – NEW YORK (dpa) - Nicht, dass «Dr. Ruth» die Lust am «Good Sex» vergangen wäre. Aber Tipps gegen frühzeitigen Erguss und gähnende Langeweile im Bett sind längst nicht alles, was Amerikas berühmte Sexualtherapeutin Ruth Westheimer zu bieten hat. Nach ihrem Rezept für ein langes, erfülltes Leben befragt, entgegnet sie verschmitzt: «Macht das, was euch Spaß bringt!».

Am 4. Juni wird die quirlige, gerade mal 1,44 Meter große Frau mit dem unverkennbar deutschen Akzent 80 Jahre alt. Zwischen Vorlesungen in Yale und Princeton, Talkshows und Gastreden reist sie durch alle Welt, dreht Dokumentationen über die Menschen in Papua-Neuguinea, über Beduinen und Drusen, und schreibt ein Buch nach dem anderen.

32 Titel, überwiegend Ratgeber fürs Schlafzimmer, hat «Dr. Ruth» bisher veröffentlicht, fast alle auch auf Deutsch. Während bei uns gerade ihr «Silver Sex» für Paare über 50 erscheint, steht den USA bereits ihr nächster Band über die Risiken von Sex in sehr jungen Jahren ins Haus.

Vor fast 30 Jahren hatte die Sextherapeutin mit dem ansteckenden Rumpelstilzchen-Kichern im Radio auf sich aufmerksam gemacht. Ohne jegliche Hemmung jonglierte sie mit Begriffen wie Ejakulation und Masturbation. Dem 15-minütigen Frage- und Antwort-Programm «Sexually Speaking» bei einem New Yorker Lokalsender folgten Einladungen von Fernsehstationen in aller Welt. Hunderttausende suchten im Schutz der Anonymität den Rat der mütterlichen Expertin. «Ihr Name und der ausgeprägte Klang ihrer Stimme sind untrennbar mit dem Thema Sex verbunden», schrieb die «New York Times» einmal.

«Die Fragen sind überall die gleichen», sagt Westheimer bei einem dpa-Gespräch in ihrer Praxis in Midtown Manhattan. Zwar brüste sich jedes Land, die besseren Liebhaber zu haben. Sie aber könne beileibe keinen Weltbesten erkennen. Purer «Quatsch» sei auch das Bild vom angeblich so puritanischen Amerika im Vergleich zu einem sexuell sehr viel freieren Europa: «Wer hat denn Kinsey, Masters und Johnson hervorgebracht?».

Ihre Herkunft aus Frankfurt am Main kann «Dr. Ruth» bis heute nicht verbergen. Sie spricht perfekt Deutsch - mit einem leichten hessischen Zungenschlag. Die Kindheit der kleinen Karola Ruth Siegel endet im Alter von zehn Jahren mit dem Abtransport des Vaters, eines jüdischen Geschäftsmannes. Sie selbst entgeht dem Holocaust in einem Schweizer Waisenheim, sieht die Eltern und die geliebte Großmutter aber nie wieder.

Nach dem Krieg, noch als Teenager, zieht Ruth nach Palästina, wird zur Scharfschützin ausgebildet und kämpft im Untergrund für ein freies Israel. Von einer Granate schwer verletzt, beginnt sie ein Studium an der Sorbonne in Paris. Ein Scheck der Bundesregierung über 5000 Mark zur Entschädigung für erlittenes Leid ermöglicht es ihr 1956, in die USA umzusiedeln. Dort setzt sie das Studium fort und findet ihren dritten Mann, Manfred Westheimer. Er stirbt 1997 nach fast 40 Jahren Ehe. «Wenn Größe in Mut, Entschlossenheit und harter Arbeit gemessen würde, müsste diese kleine Frau 2,50 Meter groß sein», schreibt die Tageszeitung «Newsday» anerkennend.

In ihre Heimatstadt Frankfurt kehrt «Dr. Ruth» jedes Jahr zur Buchmesse zurück. «Um den Bahnhof mache ich einen großen Bogen. Aber in meiner alten Wohnung in der Brahmsstraße 8, im Nordend, habe ich mich noch einmal umgeschaut», erzählt sie. «Einerseits schmerzt es sehr. Andererseits mag ich auch zeigen, was trotz der Nazis aus mir geworden ist.»

Und wie feiert die Jubilarin ihren 80. Geburtstag? «Mit viel Musik und Tanz», sagt sie. Musik habe eine ganz große Rolle in ihrem Leben gespielt. Lieder wie «Die Gedanken sind frei» hätten sie durch die schwersten Jahre begleitet. In dem Buch «Die Sprache der Musik» stellt Westheimer die Phasen ihres Lebens anhand jener Melodien vor, die jeweils für sie bedeutend waren. Im Sommer will sie den Band verfilmen. «Ein solches musikalisches Vermächtnis sollten wir alle hinterlassen», legt die unermüdliche Ratgeberin uns ans Herz.
(Von Gisela Ostwald)

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