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Rationierung: Notwendigkeit oder Schreckgespenst?

(Foto: DAK)
(Foto: DAK)

04.02.2010 – DÜSELDORF (BIERMANN) – "Rationierung ist unausweichlich." Diese These des Sozialstatistikers Prof. Walter Krämer, Dortmund, rief bei einer Forumsveranstaltung in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste eine kontroverse Diskussion zwischen Wirtschaftswissenschaftlern und Medizinern aus.

"Als Konsequenz der Explosion des medizinisch Machbaren wird eine Rationierung von Gesundheitsgütern unausweichlich", ist Krämer überzeugt. Seine These: "Das Problem der modernen Medizin sind nicht ihre Mängel, sondern ihre Möglichkeiten." Denn: "Durch ihre Erfolge macht die moderne Medizin die Menschen im Durchschnitt nicht gesünder, sondern kränker" - was aber durchaus positiv zu sehen sei: Menschen, die zu früheren Zeiten an einer Krankheit gestorben wären, erhalten "quasi eine Aufenthaltsverlängerung", so Krämer. Als Beispiele nannte er Diabetiker und Nierenkranke.

Die Medizin produziere ständig "Zusatztechnologien" hervor, "die einen Bedarf erst erzeugen". Mit anderen Worten: Die Medizin wird immer teurer, weil sie immer mehr kann. Krämers Schluss: "Es ist finanziell nicht möglich, allen Kranken und Patienten eine optimale Versorgung nach dem letzten Stand der Medizin zu garantieren."

Die Lösung liegt laut Krämer darin, die Regelungsentscheidungen auf der "abstrakten Planungsebene" anzusiedeln, dorthin, wo noch keine Einzelfälle betroffen sind, also "statistische statt individuelle Menschenleben" zu betrachten. Dadurch würde sich nur die statistische Wahrscheinlichkeit eines Todes an einer bestimmten Ursache erhöhen. "Rationierung kann also human gestaltet werden", schloss Krämer. "Sie muss weder die Anbieter noch die Nachfrager erschrecken."

Mit dieser Aussage erntete der Statistikprofessor Widerspruch von Prof. Eckhard Nagel, Bayreuth und Prof. Klaus Bergdolt, Köln. Der Transplantationsmediziner Nagel, der auch Mitglied des Deutschen Ethikrats ist, warf Krämer vor, auf Basis falscher medizinischer Annahmen ethisch problematische Aussagen zu treffen, die einen Teil der Patienten ausgrenzten. "Die Zusatztherapien erzeugen keinen Bedarf, sondern sie decken einen Bedarf, da mehr Krankheiten behandelt werden können", ist Nagel überzeugt.

Nagel ist in seinem Alltag ständig mit dem Problem mangelnder Ressourcen konfrontiert - durch die Knappheit transplantabler Organe. Um die Verteilung dieser begrenzten Ressource einigermaßen gerecht zu gestalten, gibt es in der Transplantationsmedizin ein ausgeklügeltes System der Organallokation. "Die Allokation ist jedoch eine tragische Entscheidung, weil es immer Verteilungsverlierer geben wird, die in ihren Lebens- und Gesundheitsinteressen existenziell betroffen sind", schilderte Nagel das daraus resultierende Dilemma.

Eine Möglichkeit, dem beizukommen, biete das Konzept der Priorisierung, der "Suche nach Kriterien, anhand derer bei Knappheit einer medizinischen Ressource die Verteilung erfolgen soll". Entscheidend ist dabei, so Nagel: "Die Priorisierung muss wissenschaftlich fundiert sein, offen kommuniziert werden und auf transparenten, nachvollziehbaren Kriterien basieren." Zudem dürfe es keine strukturellen Ausweichmöglichkeiten geben.

Grundsatzkritik nicht nur an Priorisierung und Rationierung, sondern an der Ökonomisierung der Medizin überhaupt kam von Prof. Klaus Bergdolt, Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin in Köln. Ärzte hätten heute Aufgaben zu bewältigen, für die sie vom Studium und von ihrer beruflichen Intention her nicht gerüstet seien. Die Folge sei eine umfassende Unzufriedenheit der Ärzteschaft. "Die Gesundheit der Bevölkerung wird hierdurch künftig leiden, da eine Mangelversorgung abzusehen ist und die Qualität der Behandlung sinkt", mahnte Bergdolt und forderte einen "Abschied von der großen Lüge", ein Umdenken weg von der Ökonomie.

Wird also die Rationierung kommen, und wenn ja, in welcher Form? Die Zukunft wird es zeigen. Walter Krämer jedenfalls zog eine positive Bilanz der Veranstaltung: "Gerade die
unterschiedlichen Bewertungen zwischen den anwesenden Wirtschaftswissenschaftlern und Medizinern zur Weiterentwicklung des Gesundheitssystems, vor allem zur Notwendigkeit von Rationierungen, zeigt die dringende Notwendigkeit, hier zu einer gesellschaftlichen Übereinkunft zu kommen."

Markus Schmitz

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